Bericht der Luzerner Zeitung, Nr. 214, 16.9.1995
Von Pirmin Bosshart und Marc Lustenberger

Ein Zucken an der Spitze des Zeitgeistes

 Die Techno-Kultur hat die Natur entdeckt: In diesem Sommer haben Tausende von Jugendlichen auf Alpen, in Waldlichtungen, in Höhlen oder auf einsam gelegenen Ruinenhügeln die Nächte durchgetanzt. An den Goa-Partys treffen sich junge Leute aus der ganzen Schweiz und nicht selten aus halb Europa. Der Sound ist Techno-Trance, angereichert mit "Goa-Spirits".

An einem Wochenende, irgendwo in der Schweiz. In den Händen hält er oder sie einen kleinen Zettel, genannt Flyer, ein unscheinbares Stück Papier, klein, glanzlos. Darauf sind effektvolle Computergrafik zu erkennen sowie einige Namen: Tekkno, Brainbird, Hypno oder einfach Tony. Es sind dies die Namen der Discjockeys der Goa-Techno-Partys und damit die "Priester" für eine lange Nacht und einen Morgen. Auf der Rückseite findet sich ein gekritzelter Plan der Schweiz. Man fahre zum Dorf X, biege bei der Ampel nach links ab, "and then just follow the signs, please".

Stunden später, die Ampel steht am rechten Ort. Das Auto schlägt die angegebene Richtung ein. Nach ein paar Metern hängen unscheinbar Ballone an einem Baum. Nun geht es für eine halbe Stunde den Berg hinauf, die Straße wird immer enger, Zeichen an den Bäumen weisen den Weg. Im Dunkel der Nacht, es ist nicht viel zu erkennen, hält der Tross der zehn Fahrzeuge, der sich in der Zwischenzeit gebildet hat. Gestoppt durch einen Typen in engem T-Shirt. Er kassiert von jedem Insassen zwanzig Franken und weist die Parkplätze zu. Fünfzehn Minuten geht es dann durch den Wald, entlang geparkten Autos. Aus dem Dunkel des Waldes lösen sich vereinzelte Gestalten. Aus der Ferne ist ein erstes Wummem der Bässe zu vernehmen, bis schließlich die Trancemelodien den ganzen Waldraum erfassen und die Herzen der Ankommenden in angespannter Vorfreude höher schlagen lassen.

Der Grundrhythmus geht durch, stundenlang, zwölf Stunden, zwanzig Stunden, sechzig Stunden, maschinenhaft immergleich und doch mit jenen unmerklich sich verändernden Nuancen, die nur mitbekommt, wer während Stunden dabeibleibt und sich hineinziehen läßt. Die besondere Langzeitwirkung des hämmernden Sounds mit seinen sphärischen Klangflächen, hypnotischen "Loops" und indisch-orientalisch parfümierten Melodielinien wird weitgehend von den DJs bestimmt, die als kosmische Steuermänner den Soundstrom dosieren, vielleicht nach Mitternacht die BPMs (Beats per minute) unmerklich beschleunigen, je nach Stimmung noch etwas Space-Gewölke oder eloktronisiertes Acid-Geätze dazugeben und gegen die Morgendämmerung hin feinere, aber immer noch unerbittlich voranpulsende Schwingungsfrequenzen einschleusen. So wirkt das alte Gesetz der Trance, ins digitale Zeitalter katapultiert.

Wer als DJ mit dem besonderen "Feeling" die Masse der Tanzenden für die Dauer einer Nacht so sanft wie intensiv in ihr persönliches Nirvana befördern kann, dem folgen die Kids zu Hunderten wieder an die nächste Party. Wenn sie tanzen, zucken sie wie robotoide Fabelwesen unter Strom, taumeln entrückt oder gleiten zeitlupenhaft im Zentrum der Beats, jede und jeder für sich, während sich der Rhythmus unablässig in den Körper pumpt und die Hände imaginäre Zickzack-Muster in die Lüfte wirbeln. Manchmal, wenn sich die Rhythmen plötzlich verdichten und eine neue Trance-Spirale öffnen, durchfahrt es die johlende Menge wie in elektronischen Schauem, und die totale Erfüllung scheint zum Greifen nah. Das ist das Geheimnis dieser Musik: Sie klopft, pulst, zischt, sägt, sphärt und speedet unbeirrt voran - aber nie löst sie ganz ein, was sie verspricht: das endgültige Abheben.

Ob nun Goa-Partys mit den "Space Dreams" oder den "Happy People" - in einem Wald, an einem Fluß, auf einem Gletscher oder in einer Ruine - stattfinden, eines ist den Anlässen gemeinsam: Sie sind von einer zweifellos idealistischen Haltung geprägt. Der Aufwand ist immens. Die ganze Technik, die Dekoration und die Infrastruktur müssen zum Teil zu Fuß an die abgelegenen Orte gebracht werden. Eine ganze Schar Helfer arbeitet ganze 36 Stunden durch, vom Aufbau der Anlage, zur Party bis schließlich das letzte Stück Papier vom Waldboden verschwunden ist - die Plätze werden immer sauber zurückgelassen. Die Leistung der Helfer geschieht meist ohne Bezahlung, da die Haltung der Veranstalter nicht kommerziell ist und sich allfällige Gewinne oft in Bussen wegen Nachtruhestörung wieder in Luft auflösen. Trotz der Ausgelassenheit einer solchen Goa-Nacht ist alles bis ins Detail durchorganisiert. Es fehlt weder das WC-Papier hinter den dichten Tannenbäumen noch der PTT-Bus, der die ermatteten Raver wieder zurück ins Tal bringt. Die gut schweizerischen Tugenden wie Perfektionismus oder Sauberkeit fehlen auch an diesen Anlässen nicht und sind wohl der Grund, warum diese Reisen in eine imaginäre Traumwelt meist so reibungslos über die Runden gehen.

Die Nacht ist warm, tief pulst der Sound. Die Leute sitzen auf Teppichen, liegen in Hängematten oder haben sich an großen Feuern niedergelassen. Drüben in einem kleinen Maharadscha-Zelt schenkt der Schweizer, der zehn Jahre in Thailand gelebt hat, indischen Chai aus. Farbige Lichtkegel rotieren in den Baumkronen, wo ein großes Bild von Shiva hängt. Gott Shiva, der Zerstörer und Erneuerer, dessen Tanz gemäß indischer Mythologie den Weltkreislauf erhält, ist an Goa-Partys immer wieder anzutreffen, wie Oberhaupt die ganze Symbolik samt Räucherstäbchen-Duftnoten betont indisch angelegt ist. Hier wirkt die Inspiration von Alt-Hippies mit Morgenlanderfahrung, die an diesen Partys ein neues Zuhause gefunden haben und friedlich mit den Techno-Kids zusammensitzen. doch für den überwiegenden Teil der "Goa-Party-People" dürfte sich dieses indische Brimborium auf einen bloß dekorativen Aspekt beschränken, der eine "geile Ambiance" schafft und "irgendwie mystisch" ist.

Wer eine Goa-Party besucht, betritt für Stunden eine - auch visuell gestaltete - mystische Fantasie-Welt, die zusammen mit der natürlichen Umgebung und Topographie des jeweiligen Raumes f'ür die ohnehin schon halluzinativ aufgeweichten Sinne betörende Wirkungen entfalten kann: Überall hängen mit fluoreszierenden Farben bemalte Tücher und, Stoffe, die unter dem Schein von lila UV-Lampen in intensiven Leuchten erstrahlen. Fackeln brennen im offenen Feld, dazwischen sind meterhohe Pentagramme und (magische) Om-Symbole aus stoffumwickelten Drahtgeflechten aufgebaut, die später angezündet werden. Zelte aus farbigen Stoffbahnen, Indianer-Tipis oder blau und rot leuchtende Pyramidenzelte sind im Gelände verteilt. Wenn dann im Morgengrauen noch Nebelfetzen über die Waldränder streichen, erinnern solche "Settings" eher an einen UFO-Landeplatz als an die realen drei Hektaren Alpweide eines Bergbauem.

Die Geschichte der Neuzeit ist eine Geschichte der Technik. Sie ist geprägt durch das Heraustreten und sich verselbständigen dieser vom Menschen gerufenen Geister. Je mehr sich der Moloch Technik ausbreitet, desto enger die Abhängigkeit des Menschen. Der Bereich der Natur hingegen reduziert sich zum Freizeitraum und verliert an Bedeutung. Wer sich nur auf geteerten Strassen durch die Welt bewegt, für den sind die leuchtenden Sonnenblumenfelder links und rechts die Natur. Was hat dies mit Techno zu tun hat? Diese Musik, diese Kultur ist ein Zucken, ganz vorne, an der Spitze des Zeitgeistes. Musik, die sich ganz ohne Scheu mit der Technik verschmilzt, durch die sie erst möglich wird. Der komponierende Mensch bleibt im Hintergrund. Namen sind ohne Bedeutung. Was zählt, ist der unaufhörliche Fluß. Für eine Nacht oder länger verschmilzt sich die Party-Szene mit der Natur - dank immenser Technik. Ein Raum wird für ein paar Stunden in Beschlag genommen, die Freizeit zelebriert. Dies ist ein Schritt auf einem Weg. Die monströsen Fabrikhallen für die großen Raves haben ausgedient, zumindest für den Moment. Eine Techno-Party in der Natur ist nicht weiter ein Paradoxum, auch wenn die Technobewegung noch weit davon entfernt ist, zurück zur wahren Natürlichkeit zu finden.

Bereits Mitte der Achtziger Jahre, als hierzulande Techno noch ein Fremdwort war, berichteten Leute, die von Indien heimkehrten, daß sie an den Vollmondpartys im ehemaligen Hippie-Mekka Goa zu elektronischen Tranceklängen tanzen konnten. Amerikaner und Europäer bastelten mit an diesem neuen Sound und legten ihn an den Stränden Goas gleich selber auf. Entscheidende Impulse lösten jene weitgereisten aus, die als direkte Abkömmlinge der psychodelischen Bewegung der sechziger Jahre zu Indienfahrem geworden waren und die nun, im Chips-und-Bytes-Zeitalter, die alten Ingredienzen der Trip-Ästhetik technologisch neu aufluden, Cyber-Futurismus und indische Sadhu-Mystik dazumischten und das Ganze musikalisch in pure Elektronik überführten. Im Gegensatz zu anderen Technospielarten brettert der "Goa Sound" nicht bloss manisch-motorisch drauflos. Er hat weichere Kanten, und seine Schlaufen sind ätherischer, wenn das von synthetischer Musik überhaupt behauptet werden kann.

Schon die psychedelischen Rockkonzerte der sechziger Jahre in San Francisco oder im "Middle Earth" und "UFO" in London waren multisensuelle Happenings mit Light-Shows und stimulierenden Dekorationen, wo die Menschen ekstatisch tanzten und mit Hilfe chemischer Substanzen erweiterte Bewußtseinszustände suchten. Geändert haben sich nach dreissig Jahren einzig die dazugehörende Musik und wohl auch der spirituelle "Background", der trotz erneuerten "Love and Peace"-Bekenntnissen vor dem Hintergrund des pragmatisch-konsumistischen Wochenend-Ausklinkens in seinen Konturen verwischt worden ist. Und der musikalische Gehalt dieser psychedelischen Reisen, wie sie an den Goa-Partys neu aufleben, hat sich - ganz zeitgemäß - auf einen binären Code reduziert, der auch auf Obwaldner Kuhweiden oder in Solothurner Waldlichtungen per mitgeführtem Stromaggregat den hypnotisch aufwühlenden Sound generiert.

Schlossruine Waldenburg: Die Nacht ist an ihrem sattesten Punkt angelangt. Pulsierendes Leben hat von der mittelalterlichen Schloßanlage Besitz ergriffen. Hoch über dem Tal, auf einem Felsen liegt sie. Die tausend Besucher haben sich eingerichtet und jede Nische in Beschlag genommen. Feuer flackern in die Nacht. Seit ein paar Minuten steht ein neuer DJ hinter den Reglern - der Übergang war fließend. Er versteht sein Handwerk. Die tanzende Menge zu seinen Füßen unterwirft sich dem strengen Diktat seines Rhythmus. Techno wirkt direkt auf den Körper, ohne Filter. Die stimulierende Chemie übernimmt dabei die Rolle des Katalysators, öffnet die Sinne für Licht und Akkustik, entführt die Tanzenden in ihre eigenen Innenräume. Die Musik aus der Maschine ist der Herzschrittmacher, der die Körper im Gleichschritt mit der Maschine vibrieren lässt. Das Gefühl zeitloser Freiheit währt für eine Nacht.
Mit der Morgendämmerung verliert die Szene viel von ihrem magischen Glanz. Die leuchtenden UV-Farben verschwinden, die zuvor so schwerelosen Dekorationen entpuppen sich als von Menschenhand an den Mauern festgebunden. Die Lagestätte wirkt nun wie ein riesiges Lazarett - überall liegen Leiber herum, um sich den eigenen Abfall gescharrt. Das kalte Morgenlicht offenbart die Sünden der Nacht. Die Gesichter sind bleich, die Haut unrein, ein angespanntes Ziehen im Unterkiefer, die Augen starren weit aufgerissen in den neuen Tag. Dem DJ ist diese Stimmung nicht fremd, und er setzt mit einem ruhigen, freundlicherem Trance zu einem vorübergehenden Landeanflug an - zurück zu den Wurzeln.