Reportage von Helge Timmerberg, erstveröffentlicht im Stadtmagazin "PRINZ" (Juni 1997)


 
Der folgende Text ist erschienen in dem Buch "Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs." Mit einem Vorwort von Sibylle Berg. Münster: Solibro-Verlag 1. Aufl. 2001 [Originär, Bd. 1] ISBN 3-932927-16-8, Gb mit Schutzumschlag, 256 Seiten, Preis: 19,90 Euro / 36,00 SFR" (Bestellen bei Amazon)

 
Die Götter tanzen mit

Junge Menschen bewegen sich zum Takt der alten Schamanen. Sie lieben sich, sie umarmen sich und sie feiern bis zum nächsten Morgen. Machen Goa-Partys glücklich ?

Goa-Partys haben schöne Namen. Shiva Moon zum Beispiel. Shiva ist der indische Gott der Zerstörung. Er vernichtet das Ego. Die Party ist alles, du bist nichts. solange du noch einen Rest von Eigensinn bewahrst, kommst du mit der Musik nicht mit. Es ist auffällig, wie wenig auf Goa-Partys Frauen ihre Schönheit und den Männern ihre Kraft zur Anmache nützlich ist. So etwas zählt hier nicht. Was zählt, ist ob du zappelst oder tanzt.
Um das zu erklären: Es gibt Tango, das ist SM als Tanz. Es gibt den Salsa, dazu sollte man eigentlich Kondome trage. Es gibt Flamenco (mit dem Mann als Torrero und der Frau als Stier). Es gibt Blues zum Selbernicken. Und es gibt den Luftgitarrenwettbewerb, der genetisch für die Deutschen das passendste ist: die Luftgitarre wie ein Luftschild halten, die Schlaghand wie ein Luftschwert schlagen und die Haare wie Sir Gawain tragen, der beste Freund von Prinz Eisenherz. Das alles sind Tänze, die auf Shiva Moon überhaupt nicht gehen.
Shiva tanzt wie ein wildes Tier. Shiva zerstört mit jeder Bewegung die Angst vor, sagen wir, den Eltern, den Lehrern, den Chefs, den Freundinnen, den Feinden, sogar die Angst vor sich selbst. Zerstört Hochmut, Eitelkeit, Schüchternheit, Autobahnen, häßliche Städte und Militär. Sieh dir Raver beim Tanzen an, und du brauchst keine Bilder einer Gottheit mehr, wie sie mit ihren Füßen Totenschädel zerstampft und mit den Händen Blitze wirft.
Dafür brauchst du Ecstasy. Das ist das Problem. Ich habe es auch schon mit der Kombination aus viel Gras und wenig Alkohol versucht, das kann gehen, aber es ist Arbeit. Mit Champagner geht es auch, aber ist teuer. Mit Koks bist Du eindeutig auf der falschen Feier, und Opium auf Goa-Partys macht auch keinen Sinn. Keine Drogen ? Soll möglich sein. Ich habe davon gehört.
Daß Ecstasy das Gehirn zerstört, ist bis heute nicht bewiesen. Es wird vermutet, gemunkelt; es ist uns allen etwas unheimlich dabei. Schreiber hören auf zu schreiben, Programmierer rechnen nicht mehr. Computergrafiker und Musiker fahren dagegen sehr gut auf der Traumautobahn. Es ist ein komisches Roulette. Du weißt nur nicht, ob du verlierst. Deine Seele, deine Potenz, deine Willenskraft, deinen Kopf. Ich habe auf Goa-Partys regelmäßig den Humor verloren.
Auf Goa-Partys hängen schöne Bilder. Zum Beispiel von Krishna, diesem blauen, jungen Mann, der entweder steht und Flöte spielt oder im Lotus sitzt und meditiert. Krishna hält in der Chefetage des hinduistischen Götterhimmels die Balance. Shiva, der Zerstörer, Krishna, der Schöpfer, der Erschaffer, der Kreative. Er symbolisiert die Liebe. Er hat Groupies, und er badet gern im Fluß.
Krishna oder Shiva ? Ficken oder tanzen ? Am Anfang entscheidet man sich meistens für das zweite, um anschließend das erste zu tun. Aber dann ist man meist zu schlapp. Dann schmusen wir, streicheln unsere Augen, führen unsere geilen Herzen in die Augen der anderen ein. Schon mal gesehen, wenn Pupillen für dich aufgehen wie ein rundes, dunkles Tor ?

Goa-Trance ist eine ganzheitliche Droge. Sie hat alle wesentlichen Elemente von Rock, Punk und Free Jazz, und Experimente in Spanien haben gezeigt, daß man diese Musik auch mit Flamenco mischen kann. Trance ist wie Pink Floyd in besseren Tagen. Und Techno ist der Beat der alten Schamanen.
Ich scherze keineswegs. Die Medizinmänner im zentralasiatischen Alma-Ata pflegten ihre Kranken mit Trommeln zu heilen. Ihr Rhythmus pendelte sich auf den Herzschlag der Patienten ein, dann gaben sie unmerklich Speed. Die Unmerklichkeit ist das A und O dieser Technik. Das wissen gute DJs. Schnapp dir zuerst ihren Herzschlag, und dann verändere das psychosomatische Kraftfeld der Party, wie du willst.
Goa-Partys heißen Goa-Partys, weil die Partys von Goa ihr Vorbild sind. Eine südindische Provinz, in der Krishna seine Pralinenschachtel aufgemacht hat. Goa hat Berge, Dschungel und Reisfelder und recht anständig gepflasterte Straßen für Motorräder der Marke "Hero". Hier herscht Stirnbandpflicht.

Goa hat wunderschöne Holzhäuser - portugiesische Kolonialarchitektur mit weiten Veranden und schattigen Gärten. Goa hat Hängematten statt Sofas. Und Goa hat Strand. Eine fast endlose Kette von Buchten am arabischen Meer, palmenverträumt und sternenklar jede Nacht. In Goa werden die besten Beach-Partys des Wassermannzeitalters gefeiert.
Goa ist für Hippies das, was für die Katholiken Rom, für die Moslems Mekka und für die Mormonen Salt Lake City ist. Und Hippies haben immer gern gefeiert, immer gern getanzt, immer Drogen genommen. Und wenn ein Hippie ehrlich ist, wird er zugeben, daß er nur wegen der Partys ging oder gehen wollte.
Ich versuchte es im Winter 1970 zum ersten Mal und blieb halbtot in der großen Salzwüste, im Iran, liegen. Zehn Jahre später nahm ich das Flugzeug von Arab Syrien Airlines und kam an. Zur klassischen Goa-Silvester-Party. Damals habe ich zum ersten Mal einen entfesselten Tänzer gesehen. Er hatte die Schwerkraft überwunden und alles, was sonst noch menschlich ist. Erst dachte ich, er bewegt sich wie eine von Kokain gepuschte Schlange, aber er war eine Flamme, er bot das Schauspiel von Feuer im Wind. Sie haben Reggae gespielt.
Den Techno haben dann noch einmal ein Jahrzehnt später Hippies aus Detroit mitgebracht, die Sannyasins aus Poona gaben das Ecstasy dazu und haben es gemischt mit der Magie des Ortes - eine Kombination aus Hitze, Luftfeuchtigkeit und Lichteinfallswinkel -, und so ist Trance entstanden. Die LTU flog das neue Partykonzept dann nach Hause.
Wenn du ein Single bist, glaube nicht, daß du das durch Goa-Partys ändern kannst. Wer allein kommt, geht auch wieder allein. Was zwischendurch passiert, ist nicht vergessen, aber es gilt nachher nicht mehr. Goa-Partys sind ein Phänomen, und das Phänomen ist ein Phantom. Das ist die Krux der Droge, Instant-Verlieben und Instant-Verlieren. Ich habe mich manchmal dreimal hintereinander während einer Party verliebt, einmal in Heike Makatsch, aber es ist nie mehr daraus geworden. Keine Beziehungskisen hintendran, wenn wir es mal positiv sehen wollen.
Dasselbe gilt für die Instant-Erleuchtung. Auf Pille weißt du alles und weißt auch, daß du schon immer alles gewußt hast, du hast halt nur falsch gedacht. Jetzt denkst du richtig. Aber schreib mal auf, was du hier denkst, und lies es morgen. Haben wir alle schon gemacht - es geht nicht. Goa-Partys feiern in einer anderen Welt, und es ist Gesetz, daß du nichts daraus in unsere Welt mitnehmen kannst. Und manchmal denke ich, Goa-Partys in unseren Wäldern, Wiesen und Hafenstraßen sind einfach nur wie riesige Schneekugeln, in denen es bunte Lichter schneit, wenn du sie schüttelst.

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