Bericht von einer Open-Air-Goa-Party,
erschienen im "connection magazin"
(März/April 1998, Autor: Robert Eisch)


PSYCHEDELIC-TRANCE-NIGHT IM GRANITWERK
 

Einsteigen und Abheben

von Robert Eisch

 Schnelle Baßrhythmen, dazu psychedelischer Computersound, das sind die charakteristischen Merkmale von Goa-Trance-Musik, einer speziellen Art des Techno-Sounds. Mehrtägige Tanz-Events in freier Natur versetzen die Fans in tranceartige Zustände, sie hypnotisieren. Robert Eisch pilgerte zu einer Goa-Party in einem Granitwerk und erzählt, was in dieser Trance-Tanz-Nacht so alles abging.

München, Mitte August, Summer in the City, Samstag Nachmittag. Wer gibt heute eine Party? Ich telefoniere. Nein - diesmal kein Grillfest am See, wir fahren zum Summerdance Open Air. Das Fest findet in einem Granitwerk im Bayerischen Wald statt und wird von "Natraj Temple" veranstaltet - einem Münchner Dance Club in dem ausschließlich Psychedelic Trance Sound aufgelegt wird. Der Name Natraj steht für den indischen Gott Shiva in seiner Eigenschaft als kosmischer Tänzer. Der Tanz soll Schöpfung, Erhaltung, Zerstörung, Verkörperung und Befreiung symbolisieren. Auf einem Flyer des Veranstalters ist zu lesen: "Schon seit Menschengedenken suchen Völker in hypnotischen Trancezuständen eine Befreiung von den Alltagsfesseln ... um gemeinsam ihre Ängste und Sorgen in bildhaftem Tanz zu verarbeiten."

Es ist schon dunkel, gegen 22 Uhr, als wir ankommen. Straßenkontrollen der Polizei sprechen eine deutliche Sprache: Wir sind fernab von München, im Bayerischen Wald. Die "Verantwortlichen'' wollen keine Drogen. Also gehen sie ihrer Pflicht nach und durchsuchen Personen und Autos. Wir fahren unbehelligt weiter. Polizeibesuch gehört übrigens bei einer "echten" Goa-Party mit dazu, zumindest in Goa selbst. Dort verdienen Polizisten sich etwas dazu, indem sie Bakschisch von Leuten kassieren, die ohne Führerschein Motorrad fahren oder Marihuana bei sich haben.

Da wir erst am nächsten Tag wieder zurückfahren wollen, haben wir Rucksäcke, Jacken, Obst und Getränke dabei. Nach einem zehnminütigen Fußmarsch erreichen wir den Rand des Granitwerks. Der Anblick ist überwältigend: Vor uns ein langgestreckter Krater, der etwa 300 Meter lang und 100 Meter breit ist. Schroffe Steinwände steigen senkrecht hoch und werden von Scheinwerfern angestrahlt. Überall sind lange, bunte Lichterketten gespannt, die Zelte, Buden und Stände miteinander verbinden. Vereinzelt brennen Feuer. Wir gehen nach unten.

Skulptur der Lautsprecher

Ein paar hundert Menschen haben sich auf dem Gelände versammelt: welcher Stamm hat hier sein Lager aufgeschlagen? Ist das eine Nomaden-Zeltstadt aus einem Science-Fiction Film? Auf den angestrahlten Steinwänden, im Spiel von Licht und Schatten, kann man Figuren, Gesichter und Formen erkennen. In der Mitte des Areals ist, einer Skulptur gleich, das Lautsprechersystem um den runden Tanzplatz aufgetürmt: die Kommandozentrale, das pulsierende High-Tech-Maschinen-Herz. Daneben ein mit Neonfarben bemaltes Totem.

 In einem tempelartigen, mit Stoffbahnen überdachten Zelt, inmitten von Reglern, Racks mit grün und rot blinkenden Lichtern, Plattenspielern und Verstärkern: der DJ. Er stimmt das Publikum auf die lange Nacht ein: Aus den Lautsprechern fließt wellenartig und unaufdringlich Space-Sound, noch ohne den durchdringenden Bass-Drum-Beat, noch ätherisch und erwartungsvoll. Es ist, als wenn man ein Flugzeug besteigt: Die Motoren werden langsam hochgefahren. Bitte die Türen schließen, anschnallen, wir werden in Kürze abheben. Die Menschen auf dem Gelände gehen auf und ab, schauen sich um, treffen sich auf dem Tanzplatz.

Eintunen

Wir trinken Chai und essen Crêpes. Etwas abseits steht ein Chill-out-Zelt aus buntbemalten, geschwungenen Stoffbahnen. Angenehme, beruhigende Musik ist daraus zu hören. In einem anderen Zelt werden Neon-T-Shirts und Psychedelic Outfit angeboten; dort treffen wir Bekannte. Wir liegen im Stroh, unterhalten und entspannen uns. Die Musik - es ist mittlerweile fast Mitternacht - wird schneller und pulsierender. Immer mehr Menschen bevölkern den Steinbruch. Die ersten Tänzer erscheinen auf der Tanzfläche. Plötzlich Lichtblitze und Feuerzungen: Artisten führen eine Feuer-Performance auf, es kommt Bewegung in den Menschenstrom.

Psychedelic Trance Music oder Goa-Sound ist ein Ast des Techno-Baums (siehe Kasten). Diese Musik ist auf einem typischen, peitschenden, geraden, 4/4-Bass-Drum-Beat aufgebaut, ist aber melodiöser und tonal verspielter als andere Techno-Spielarten. Ihre Sounds klingen nach Orient, nach HighTech und Ethno, East and West.

 Zum Dessert nehme ich ein paar Psilocybin-Pilze zu mir. Ein Bekannter aus Amsterdam hat sie mir angeboten. Eine natürliche Möglichkeit, um seine Sensoren auf solchen Tanzparties zu aktivieren. Allmählich spüre ich die Vibration der Musik und der Menschen und beschließe zu Tanzen. Ein dionysischer Stamm schart sich um das Totem, um im gemeinsamen Tanz andere Räume zu betreten. Die Musik ist das Fahrzeug, die Reise beginnt. Komm!

Akupunktur mit Computertönen

Der Tanzplatz ist voll, die Musik drückt mit einer unglaublichen Wucht aus den Lautsprechern: das Flugzeug hat seine vorläufige Reisegeschwindigkeit erreicht. Die Bass-Drum spüre ich im Magen, die tiefen Basstöne stimulieren mein Wurzel-Chakra, zirpend und zischend akupunktieren mich die Computertöne. Mein Körper wird weggespült und Teil der Tanzenden, ich schwimme in einem Fluidum aus knallenden Beats und nie gehörten Tönen. Sobald ich dieses Sound-Hologramm betrete, beginnt eine Reise: Ich vergehe, ich bin, und ich höre auf zu denken. Ich mobilisiere eine Urkraft, ich tanze, ich bin tausend Jahre alt. So mag es gewesen sein in alter Zeit, als die Menschen zu ritueller Trommelmusik tanzten und der Geist Gottes über sie kam. Buddha vergleicht die ewige Gesetzlichkeit des Universums mit dem Rhythmus der Trommel - dem ältesten schamanistischen Instrument um Kontakt mit Göttern und Dämonen aufzunehmen. In Bali wird Prinz Ram, die Gottheit der Selbstverwirklichung, in sehr rhythmusorientierten Aufführungen der Gamelan-Orchester, als Kämpfer gegen über- und unterweltliche Kräfte dargestellt.

Der Körper "denkt"

Die Musik öffnet meine unterbewußten, inneren Welten. Sound und Rhythmus synthetisieren neue Gefühle; mein tanzender Körper wird zum großen, verteilten Gehirn. Ich denke mit der Haut, den Hüften, dem Rückgrat, mit meinen stampfenden Beinen. Baßläufe und Bass-Drums repräsentieren das Verbindende, das Gemeinsame. Darüber liegen die schnellen, hypnotischen Appegio- und Ostinato-Sequenzen. Sie spiegeln das Tempo wider, in dem Informationen auf uns einhämmern - blitzartig, wie es unsere ganze Art zu denken ist. Offenbaren sich in diesen Klanggemälden und akustischen Reportagen tiefe Wahrheiten? In einem Kapitel über tibetanische Ritualmusik schreibt P. M. Hamel (1): "Den friedfertigen Gottheiten sind die Oboen, das Muschelhorn und die größeren Becken zugeordnet, die kurzen Trompeten und die schrilleren Becken entsprechen den schrecklichen Gottheiten."

 Ich bin eine einzige, große Synapse, die diese Tonwelten aufnimmt. Meine synästhetischen Fähigkeiten erscheinen mir wie eine Einheit der Sinne: Phantastische Bilder, archetypische Gestalten in üppigen Kostümen, die Schlachtengemälde der Bhagavad Gita tauchen in mir auf. Der Kampf der unzähligen Dämonen und Götter spielt sich wie in einem psychedelischen Comic-Strip vor mir ab. "If you hear a voice inside your head saying I'm a god, it's probably a devil," tönt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Ich erlebe Shakti, welche die Ur-Energie repräsentiert (tanzt sie nicht neben mir?), den ausgleichenden Vishnu, die zerstörerische Kali. Viele Leute mögen Goa-Trance nicht, weil diese Musik zu dämonisch auf sie wirkt. P. M. Hamel schreibt: "Als vor einigen Jahren zum ersten Mal eine Schallplatte mit Musik aus Tibet von einer Rundfunkstation ausgestrahlt wurde, kam eine Flut von Telefonanrufen, von Leuten, die von dieser Musik so erschreckt wurden, daß sie in Panik gerieten."

Tanz mit den Gottheiten

Ich tanze, treffe Krishna und Brahman. Auch Maya und ihre zahlreichen Helfer gehören zu dieser ''bunten Zirkustruppe''. Ich kämpfe mit Eros und Tod, lasse meinem inneren Tier freien Lauf, wie ein Gott der allen anderen Göttern Raum läßt. Die Töne spielen mit meinem Gedächtnis und ich erkenne, daß ich Teil der unendlichen kosmischen Energie bin, daß alles in mir ist, und ich keine Angst zu haben brauche. Der Beat, die nie endende Lebensenergie, treibt mich unermüdlich weiter. Ich bin geschützt. Es tanzt. "Spezielle Töne der indischen Musikmagier können innere Zentren offenlegen. Manche berichteten, daß sie sich an ihre göttliche Vergangenheit erinnern könnten, wenn sie mehrere Stunden lang religiöse Lieder sängen, und daß ihnen Krishna und Sri Ram erschienen sei." (P. M. Hamel)

 Immer wieder die für Goa-Trance typischen Unterbrechungen, wenn ein Energiehöhepunkt erreicht ist. Der Flow geht mit ein paar Sequenzen weiter, der Körper hat Zeit neue Energie zu sammeln, bevor er wieder in die nächste Szene geschickt wird. Der DJ ist Führer und Schamane; er gibt Richtung und Intensität an. Ebenso typisch: "The Voice" - eine männliche Stimme, die immer wieder kurze Statements abgibt, die Dich zum Reflektieren bringen. "Das Ich des Menschen wechselt mit gleicher Geschwindigkeit wie seine Gedanken, Gefühle und Stimmungen, und er begeht einen gewaltigen Irrtum, wenn er sich für ein und die gleiche Person hält ... die er im vorigen Augenblick war."(2) Das tanzende Selbst, in das Auge des Tigers blickend, wird "... zum weisen Freund seiner Dunkelheit und Destruktivitat, ist in Kontakt mit seinen sensiblen kindlichen Energien, ist verbunden mit den Seinsenergien..."(3)

Die Nacht geht zu Ende

Ich gehe von der Tanzfläche und blicke auf die Uhr, es ist 2.30 Uhr. Ich habe Riesendurst. Im Chai-Zelt treffe ich ein paar Freunde; wir grinsen uns an, trinken Tee und entspannen uns im Liegen. Jetzt ist die Zeit, in der es nicht mehr so viel zu reden gibt. Die Leute um mich herum wirken wohltuend vertraut und beruhigend auf mich. Vor dem Zelt zieht der bunte Menschenstrom vorbei. "Die Urmacht dieser archaischen Musik hatte umfangreiche Breschen in die Wände meines Bewußtseins geschlagen, hatte es gewaltsam aufgerissen, und ich erfuhr mich nun selbst in einem offenliegenden verletzbaren, überempfindlichen, aber zugleich wundersam erfahrungsbereiten Zustand." (P. M. Hamel)

 Irgendwann nimmt mich meine Tanzpartnerin an der Hand und führt mich zum Tanzplatz. Wieder tauchen wir ein, die Musik schiebt und peitscht mit einer unglaublichen Energie. Jetzt ist die Stunde mit dem powervollsten Sound, bald geht die Nacht zu Ende. Wer jetzt noch tanzt und auf den Soundwellen surft, will ins Auge des Tigers blicken: "Riding The Tiger".

 Über dem Granitwerk kündigt sich ein neuer Morgen an. Allmählich kann man die Gesichter der Tanzenden erkennen. Sie strahlen, sind erschöpft, sind abgekämpft und sehen bizarr aus. Nur der harte Kern ist noch da, die meisten haben das Granitwerk im Laufe der Nacht verlassen. Als die Sonne strahlend am blauen Himmel steht und uns wärmt, frühstücken wir. Noch immer tanzen Leute. Gegen Mittag fahren wir mit dem Gefühl nach München zurück, etwas Wunderbares in dieser Nacht erlebt zu haben.

  1. P. M. Hamel, Durch Musik zum Selbst, Bärenreiter Verlag, Kassel 1980
  2. Zitat von G. I. Gurdjieff aus: P.D. Ouspensky, Auf der Suche nach dem Wunderbaren, Barth Verlag, München 1993
  3. K. P. Horn, Die Erleuchtungsfalle, S. 218, Connection Buchverlag 1997

Entwicklung der Goa-Trance Musik

Seit den 70er Jahren treffen sich in der ehemals portugiesischen Kolonie Goa, an der Westküste Indiens, Hippies und Traveller aus aller Welt. Der dortige Lebensstil ist eine Mischung aus einfachem Dorfleben und psychedelischen Parties mit Rockmusik. Zu den Besuchern zählen bekannte Gruppen wie The Who, George Harrison und Led Zeppelin.

 Anfang der 80er entsteht in Europa "EIectric Body Music", die durch treibende, harte Computer-Beats (Depeche Mode, Front 242, u.a.) und Synthesizer-Pop charakterisiert ist. Davon inspiriert entwickelt sich, von Detroit und Chicago ausgehend, "House-Music", die von einer ständig wachsenden DJ-Szene aufgelegt wird. In starkem Maße wird diese Musik durch Sequenzer-Rhythmen und Drum-Computer bestimmt. DJs aus aller Welt spielen ihre eigenen, von der Mystik Indiens inspirierten Acid-House-Tracks. LP-Tracks werden mit computergesteuerter Musik gemischt und zu Instrumental- und Maxi-Versionen neu zusammengesetzt. Für diese psychedelischen Sound-Experimente wird Goa zu einem wichtigen Testfeld.

 Der Party-Sound verändert sich von Jahr zu Jahr, die treibenden, durchgehenden Beats der "night-music" werden schneller, die weichere "morning-music" bringt die Tanzenden in einen neuen Tag. Die ersten Goa-Parties werden auf Ibiza Mitte der 80er veranstaltet. Solche Parties, die häufig am Strand oder in der Natur stattfinden, werden zum Mythos für magische und psychedelische Events. Damit hat sich Goa-Trance Musik mit seinen typischen Sounds und Beats zu einem eigenen Bereich innerhalb des Techno entwickelt.

 Discografie:
Safi Brothers, CD & LP, Blue Room Juno Reactor, "Bible of Dreams", CD & LP, Blue Room Samplers Cosmic Tramp, "No mad steps", CD, Blue Flame Records M.J.C. Paoli, "No frontiers", BYM Records (CD ist beigelegt im Reiseführer "Cool Guide Goa", Regenbogen-Verlag, Zürich)