Reportage über die <psy-trance>-Szene
von Martin Meissonnier und Jean Jacques Flori,
ausgestrahlt auf <ARTE> am 22.10.1996

psychedelic trance

music is my drug

Elektronische Musik gibt es seit der Erfindung des Drumcomputers vor  20 Jahren. Heute sind diese Rhythmen für die Jugend der ganzen Welt eine neue Lebensart, so wie es Rock-Musik und Jazz für die Generation davor waren. Neue Technologien und Computer sind die Stützen dieser Kultur.
Japan, früher auf die Rolle des Herstellers beschränkt, ist heute zum Meister der Kunst geworden.

Als Ritter Roland im Jahre 778 in sein elfenbeinernes Horn blies, vermutete er sicher nicht, daß sein Name eines Tages einer Musikrevolution als Wahrzeichen dienen würde.
Wir besuchen gleich H. Kakehashi, den Gründer und Vorsitzenden der Roland-Werke.Die Klänge, die er und sein Team erschufen, habe ihn zum Marktführer im Bereich der Synthesizer und Drumcomputer gemacht und zum unfreiwilligen Erfinder von Techno und Trance.
Fast die gesamte elektronische Tanzmusik wird auf Instrumenten aus seiner Fabrik erzeugt.
 
 

Ikutaro Kakehashi, Präsident der ROLAND-Werke: "Vor 40 Jahren habe ich Uhren repariert und danach eröffnete ich einen kleinen Laden für Radios und Fernsehgeräte. Musik mochte ich immer gern, ich habe viel Radio gehört. Irgendwann wollte ich selbst Musik machen, aber einen Synthesizer gab es damals in Japan noch nicht. Also mußte ich selbst einen bauen.

Aus der elektronischen Orgel kommen nur Töne, die man tatsächlich gespielt hat. Aber Musizieren macht mehr Spaß, wenn man eine Rhythmusbegleitung hat. Es ist einfacher und klingt auch besser mit einem Baß oder einem Schlagzeug im Hintergrund. Also mußte ich irgendwie Rythmen erzeugen und in die Elektroorgel integerieren. So fing ich an, ein Rhythmusgerät zu entwickeln.

Instrumente werden für Musiker hergestellt. Der Musiker benutzt ein Instrument und entdeckt dabei Töne, die jenseits der Vorstellung des Herstellers liegen. Die Vorstellungen des Herstellers und des Musikers stimmen nicht immer überein, das kann zu interessanten Ergenissen führen. Mit elektronischen Musikinstrumenten kann man sehr unterschiedliche Wirkungen erzielen."
 
 

Der Komponist Haruomi Hosono aus Tokio, Gründer des Yellow Magic Orchestra, begriff als erster die Möglichkeiten, die ein Drumcomputer bot.
 

Haruomi Hosono, Komponist: "In der Musik offenbart sich die Seele des Musikers. Eine Musik aus Synthesizer und Computer ist unmittelbar mit der Seele des Musikers verbunden. Stilistische Eigenarten des Interpreten oder die Spieltechniken eines Musikers kommen dabei nicht zum Ausdruck. Seine Fantasie wird in reinster Form ausgedrückt, da kann man nicht mehr lügen. Die Musik, wie wir sie bisher kannten, löst sich langsam auf.
Vielleicht wollen die jungen Leute uralte Kräfte zurückgewinnen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind. Europäer und Amerikaner studieren solche Phänomene viel ernsthafter als wir. Im Orient existieren sie schon immer, ohne daß sie groß beachtet werden."
 
 

In Anbetracht der Gewalt in unserer Gesellschaft suchen die Bewohner der psychedelischen Welt nach neuen Wegen und sind bereit, sich selbst zu hinterfragen. Wir folgten DJ Key und seiner Managerin Azuko in die Unterwelt der Trance-Musik.
 
 

Mitsuo Ada, Schamane: "Menschen können Vibrationen zwischen 20 Hz und 20 kHz wahrnehmen. Manche Frequenzen nehmen wir als Farbe wahr. Es gibt unterschiedlichste Sensoren, unsere Augen zum Beispiel. Oder Sensoren, die radioaktive Strahlen wahrnehmen. Die Vibrationen einer Stimmgabel zum Beispiel erzeugen einen Rythmus. Menschen haben einen Biorythmus. Die Sonne und der Mond haben auch einen Rythmus. Der Kosmos ist voll von verschiedenen Rythmen. Die Frage ist, wo sie sich treffen, wie man sie zusammenbringen kann. Durch Telepathie beispielsweise kann ich ein Erlebnis mit jemandem ohne Sprache teilen."
 
 

DJ Key
"Man spricht nicht, man tanzt."

Künstlergruppe Organix: "Viele junge Leute denken wahrscheinlich, daß unsere Umwelt nicht sehr angenehm ist. Es ist nicht schön, auf dieser Welt zu leben. Die Welt, in der wir gerne leben würden, ist ein bißchen anders als die Realität. Auch unsere Erde ist gefährdet und wir wissen auch nicht so genau, wie es weitergeht. Deshalb interessieren mich die neuen Kommunikationsmittel, vielleicht nicht die digitalen, eher psychedelisch orientierte Kommunikation.
Was wir tun können, ist, unsere Eßgewohnheiten, unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen, und unsere Lebensweise zu ändern. Oder uns politisch zu engagieren. Wir fangen damit an , uns selbst zu verändern. Um das zu verwirklichen, haben wir hier zu dritt gelebt und sind unseren Malaktivitäten nachgegangen.
Es war eine Art lange Meditation."


"Tribal Planet" in Japan

In der Woche des traditionellen Kirschblütenfestes findet die "Tribal Planet"-Party (Shimoda) statt.
Die Kirschblüte ist das japanische Symbol für Glück.

Total Eclipse: "Das Wetter ist nicht gerade beständig und die Leute, die gekommen sind, haben wirklich Mut. Aber sie wollen wahrscheinlich Spaß haben und eine schöne Party erleben. Weiter hinten ist ein wunderschöner Wasserfall und vorne stehen blühende Kirschbäume, auf die die Japaner sehr stolz sind. Der Ort ist wirklich sehr schön. Es ist ein natürlicher Gebirgskessel. Dazu kommt die japanische Atmosphäre, also man kriegt wirklich Lust zu feiern. Beste Voraussetzungen für einen kleinen Liveauftritt.

Rythmisch gesehen bist Du dann irgendwie ein bißchen im Rausch. Das muß man schon zugeben, das haut echt rein. Die Musik kann ungarisch, indisch oder arabisch angehaucht sein. Ein Mega-Beat für einen Mega-Spaß. Man hat Spaß mit der Maschine und umgekehrt. Es ist ein Spiel. Eine neue Maschine ist ein neues Spielzeug."



Goa, Indien

Psychedelic Techno Trance entstand um 1988 in Goa aus dem  Zusammentreffen von Nachkommen der ersten Hippie-Generation mit den Neuankömmlinge aus der Acid-Szene.
Diese repetetive Musik ist zum Feiern und Tanzen gedacht. Sie transportiert eine Geisteshaltung und eine Lebensart, die an die Anfänge der psychedelischen Kunst erinnern, plus Computer und Internet.
Goa, gelobtes Land des Trance, ist ein beliebter Treffpunkt. Hier tauschen DJs ihre Kassetten und testen ihre Musik an den Hippies der dritten Generation. Der Kult greift um sich. Die psychedelischen Goa-Trance-Partys werden von Polizisten auf der ganzen Welt mißbilligend beobachtet und gelten als Brutstätten des Drogenkonsums.
DJ Jörg: "Ich war Rock'n'Roller, dann bin ich nach Goa gekommen und habe 16 Stunden lang getanzt. Soviel wie noch nie. Es war meine erste Trance-Party .
Und danach hat sich mein ganzes Leben verändert."


Israel


Anti-Drogenkomitee (Knesset): "Demokratie heißt nicht jemanden zu sagen, 'Geh und bring Dich um', sondern 'Halt, wir lassen nicht zu, daß Du Dich umbringst' und dazu mit allen Konsequenzen zu stehen. Ich glaube, man muß die Goa-Reisen der Jugendlichen strenger handhaben."
Lior (Astral Projection): "Die Botschaft handelt von Liebe, Freundschaft und Frieden oder sonstwas. Ich will nicht wie ein Hippie klingen, aber darum geht es tatsächlich. Und darum, gute Musik zu machen. 
Es geht nicht - wie viele glauben oder wie die Behörden behaupten - um Drogen, das ist Blödsinn. Musik ist meine Droge, meine Religion, meine Art zu leben. Sie ist für mich alles, alles was ich bin und alles menschliche."

Die Techno-Trance-Generation hat die Drogen nicht erfunden. Eine gute Party ist ein Ort der Geselligkeit. Business hat dort keinen Platz. Die besten Partys finden an ungewöhnlichen Orten statt. Und das Umgehen eines Verbots bringt natürlich eine gewisse zusätzliche Erregung mit sich. Doch wie gelingt eine Party richtig gut ?
DJ Zubi: "Man kann natürlich draussen feiern, an einem schönen Ort, nicht in einem Club. Und die Leute sollten sich kennen."
Raja Ram (Label TIP): "Man haßt es, man liebt es. Wir können weder mit noch ohne leben. Es ist der Takt, die Wiederholung. Dadurch wird dieser Hyper-Bewußtseinszustand erzeugt. Wir haben in den letzten Jahren entdeckt, daß Musik die Droge ist. Die Musik macht einen high, diese Musik hat eine Art, besondere Schwingungen zu erzeugen.. Ich weiß nicht, was sich auf molekularer oder atomarer Ebene abspielt, aber vielleicht geht es durch den Körper und massiert einem das Gehirn. Oder es dringt einfach in dein Herz oder geht in deine Zehen. Auf jeden Fall haben wir es mit etwas Therapeutischem zu tun, das gesund ist."


London

Simon Posford (Hallucinogen): "Die Kickdrum, dieser 4/4-Takt regt Leute auf, die nicht darauf stehen. Aber ich glaube, es geht auf etwas Schamanisches zurück."

Steve Hillage (System 7): "Das Alpha-Band liegt zwischen 7 Hz und 12 Hz und das ist die Frequenz der Gehirntätigkeit. Sie ist am engsten mit Traum, Trance, Kreativität  und Meditation verknüpft. Das eigentliche Tempo der Techno-Musik erzeugt eine Alpha-Welle, die genau die Frequenz zwischen 8 und 11 Schwingungen pro Sekunde hat. Das könnte eine Erklärung sein, warum diese sehr aggressive, mechanische Musik auch eine beruhigende, in Trance versetzende Wirkung hat. Da besteht zweiefellos ein Zusammenhang.

Bei dieser Musik geht es nicht um die Musiker. Diese Musik versetzt uns in einen anderen Bewußtseinszustand. Diese Musik ist eng mit den neuen weltumspannenden Kommunikationsmitteln verbunden. Internet, Satellitenfernsehen. Das ist die neue Musikkultur der Welt.

Eine geheime Party an einem magischen Ort, das ist wie ein Gemälde von Salvadore Dali. Es ist ein Teil des Ganzen."